Gotye
Gotye zeigt Understatement
09. Januar 2012 – Artist Focus

Gotye im Interview

Gotye hat es geschafft! Jetzt hält sich der Singer-Songwriter aus Belgien, der dann aber in Australien aufwuchs, schon seit zwei Wochen auf Platz 1 der Charts und scheint vorerst auf dem Pop-Olymp angekommen zu sein. Gotyes richtiger Name ist eigentlich Wouter "Wally" de Backer und vor fünf Jahren hatte er schon einmal großen Erfolg Down Under. Aber erst jetzt, nachdem er mit der neuseeländischen Sängerin Kimbra den Song "Somebody That I Used To Know" aufnahm, ist er auch global in den Charts unterwegs. Zeit für uns, um sich mal mit Gotye zusammenzusetzen, um mehr von ihm zu erfahren:

Musicwire: Hallo Wouter. Schön, dass du ein bisschen Zeit für uns hast. Ist das dein erster Besuch in Berlin?
Gotye: Nein, es ist bereits das zweite Mal, dass ich hier ein Konzert gebe, aber dieses Mal kann ich für vier Tage in der Stadt bleiben und werde mit meiner Partnerin noch ein paar Freunde besuchen. Insofern ist es das erste Mal, dass ich ein wenig mehr Zeit hier verbringen kann. Und ich habe endlich die Gelegenheit, die Stadt ein wenig besser kennenzulernen, Ausflüge zu machen und Mitte, Kreuzberg und Prenzlauer Berg zu sehen.

Du bist also nicht wirklich in Belgien, deinem Geburtsland, aufgewachsen, sondern in Australien? Lebst du noch dort?
Ja, ich bin in Australien aufgewachsen und lebe auch immer noch da. Definitiv würde ich Australien als meine Heimat bezeichnen. Belgien ist eine zweite Heimat, mit der ich viele Kindheitserinnerungen verknüpfe, aber dorthin habe ich nicht besonders viel aktuelle Beziehungen. Meine Verwandten dort habe ich in den 31 Jahren nur ein paar Mal gesehen. Aber es wäre sicher interessant, sie und das Land jetzt mal besser kennenzulernen.

Wäre es für dich denkbar nach Europa zu ziehen?
Ja, doch. Aber ich bin mir nicht ganz sicher, wann der richtige Zeitpunkt dafür wäre. Mein Manager, die Band und ich, wir haben bereits darüber gesprochen, und alle könnten sich vorstellen nach Europa zu ziehen, oder nach New York. Im Wesentlichen kommt es darauf an, wie sich das mit der Musik weiter entwickelt. Ich möchte nicht so viel touren und ständig so lange Reiserouten zurücklegen. Das würde mich in meiner kreativen Arbeit zu sehr einschränken. Zum Beispiel würde ich gerne mit einer theatralischeren Show kommen, mit einer größeren Anzahl an Musikern aus Australien. Es könnte sein, dass dies bereits nächstes Jahr möglich wird hier und in den Staaten zu touren. Und das wird wahrscheinlich bedeuten, dass ich hier für mehrere Wochen oder Monate bleibe und vorbereite, dann kommt die Band nach und wir gehen zusammen auf Tour.

Also ist Gotye, das Projekt, nicht das Endziel für dich. Online habe ich gelesen, dass du gerne mal die Band wechselst und du deine erste Band in sehr jungen Jahren gegründet hast. Wie kam es dazu?
Ja, das war meine High School Band. Meine Freunde und ich gründeten das Projekt im Alter von 15 Jahren, für alle war das die erste Band. Und dann habe ich noch in einer anderen Band für zehn oder elf Jahre gespielt, die sich "The Basics" nannten. The Basics machen gerade eine Pause, deshalb hatte ich Zeit für mein Solo-Album. Bis dato hatte ich immer zwischen Gotye und Basics gewechselt.

Besteht Gotye nur aus dir oder ist das die gesamte Band?
Vorrangig ist Gotye schon mein Projekt. Wenn ich live spiele, dann arbeite ich für gewöhnlich mit einer Band in verschiedenen Zusammensetzungen. Hier habe ich mit einer vierköpfigen Mannschaft gespielt, aber in Australien kommen da auch schon mal bis zu zehn Mann auf die Bühne, was wirklich großartig ist. Verschiedene Male wurden wir bereits als Miniorchester bezeichnet. Das Setup variiert sehr stark nach den jeweiligen Möglichkeiten. Der Fokus liegt aber auf mir.

Du bist in diesen ganzen organisatorischen Dingen im Musikbereich anscheinend sehr bewandert.
Ja, dadurch, dass ich vieles auf meinem Label selbst gemacht habe, konnte ich einiges lernen. Zumindest bin ich damit sehr bewusst umgegangen, seitdem ich das erste Mal meine Musik an ein Label lizensiert habe, und eine sehr schlechte Erfahrung damit gemacht habe, mich auf die Leute zu verlassen, die mir eigentlich helfen sollten. Also habe ich mir angewöhnt immer auf dem Laufenden zu sein, was die Organisation und die Deals angeht. Das war sogar mal die Sorge von einem meiner Manager, dass ich zu viel Politik an mich reiße. Aber ich glaube, ich mische mich da nicht so sehr ein. Es gibt nur ein paar grundlegende Sachen, denen ich mich widmen kann und möchte - wie das Artwork und das Layout zu machen. Dafür brauche ich keinen Designer. Wenn ich eine konkrete Vorstellung habe, dann setze ich das einfach in die Realität um. Aber das hat dann immer noch nichts mit der Politik oder Organisation zu tun, das gehört ja schließlich zum Kreativprodukt dazu. Und ich arbeite einfach gerne mit Photoshop. (lacht)

Gibt es eine Geschichte zu deinem Photoshop-Cover? Ich habe da etwas gehört, dass es mit deinem Vater zu tun hat.
Ja, genau. Drei der Vierecke sind von dem Originalbild, das mein Vater vor vielen Jahren gemalt hat. Eines der Vierecke habe ich ein wenig verändert. Das Original habe ich unter einem Stapel Zeitungen gefunden, es hat mir sofort gefallen und ich war froh es aus dem Müll bergen zu können. Aber mir war nicht wirklich wohl damit, es als Albumcover zu verwenden, also habe ich es genommen und genau wie in meiner Musik, in der ich viel mit Samples und Effekten arbeite, habe ich auch dieses Bild hier und da ein wenig verändert. Eines der Vierecke habe ich verdreht und grau eingefärbt und auch die Größe und das Format des gesamten Bildes verändert.

Deine Deutschlandtour ist schon fast beendet. Hast du schon Pläne bald wieder zurückzukommen?
Wenn das Album veröffentlicht wird, komme auch ich wieder, um noch weitere Shows zu spielen, dann mit einer fünfköpfigen Band. Und danach möchte ich mich wieder der kreativen Arbeit widmen; mir würde es sehr gefallen einen theatralischen Rahmen für meine Musik zu entwickeln, so dass es tatsächlich mehr wie ein Theaterstück dargestellt wird, aber über die Musik erzählt wird.

Würdest du dann auch einen Auftritt haben oder mehr im Hintergrund agieren?
Natürlich würde ich auch auf der Bühne stehen. Ich stelle mir das so vor, dass sich manche Teile meiner Arbeit direkt on stage abspielen und sich in den Handlungen ausdrücken, andere Teile meiner Arbeit würden sich vielleicht eher im Inszenieren und der Kostümierung abspielen. Und außerdem hätte ich gerne, dass die Visuals auch in das ganze Bühnenkonzept mit reingearbeitet werden. Aber dahin ist es noch ein großer Schritt - und das wird sicher eine kostspielige Angelegenheit. Meine Musik soll auch über andere Medien erzählt werden können, durch Farben und Visuals oder die Darstellung der Geschichte. Und ich spüre förmlich, wie es danach drängt auf die Bühne gebracht zu werden. Zumindest liegt das näher beieinander als wenn die Musik im klassischen Rock oder Popkonzept stehen würde.

Was inspiriert dich? Reisen, Bücher oder ähnliches?
Manchmal ja. Aber die meisten Tracks auf diesem Album basieren auf alltäglicheren Geschichten. Ich habe auch viele andere Songs geschrieben, die es nicht auf das Album geschafft haben, aber mehr mit meiner Lebensrealität zu tun haben. Da handelt es sich dann meistens um den Frust, wenn man mit der Arbeit nicht voran kommt. Songs können auch aus den Geschichten meiner Freunde und Familie entstehen oder anderen Dingen, die ich in der Welt beobachte und höre. Der Song 'Bronty' ist ein sehr direkter Song über Freunde von mir, die sich von ihrem langjährigen Familienhund verabschieden mussten, der Bronty hieß. Ein anderer Song handelt von mir und meiner Freundin, wie wir den Übergang von einer Fernbeziehung in eine normale Beziehung erlebt haben. Sie ist aus dem Outback Australiens nach Melbourne gezogen, um mit mir zusammen zu sein, und auch wie sie mir durch einige dunkle Stunden geholfen hat.

Hast du dir noch die Musik anderer Künstler angehört, während du an deinem Album geschrieben hast?
Ich bin immer auf der Suche nach neuer Musik und höre mir eine ganze Menge an. Zu der Zeit habe ich viel von Chap aus London gehört. Man könnte es wohl als sehr gut produzierten, hochintellektuellen Pop bezeichnen. Sehr zynisch, aber darauf bin ich total reingekippt. Außerdem mag ich das zweite Album der Band Chairlift sehr gerne, das ist allerdings noch nicht veröffentlicht. Sie hat einfach eine tolle Stimme und die Produktion ist großartig. Das Album sollte wohl auch im Frühling veröffentlicht werden.

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